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Basellandschaftlicher Apotheker-Verband

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16.01.2015
Antibiotika: «So viel wie nötig, so wenig wie möglich»

Früher ging es um Leben und Tod. Heute haben wir Antibiotika. Geben wir diesen Trumpf nicht unachtsam aus der Hand!
Dr. pharm. Chantal Schlatter, Apothekerin

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts waren Bakterien die Todesursache Nummer eins in der westlichen Welt: Durchfall, Lungenentzündung und Tuberkulose zählten zu den häufigsten Infektionskrankheiten und rafften die Menschen bereits im Kindesalter dahin. Erst Antibiotika haben die einst lebensbedrohlichen Infektionen zur Bagatelle gemacht. Doch meistens sind wir uns gar nicht bewusst, wie mächtig die Waffe ist, die wir damit in den Händen halten. Und dass wir gut aufpassen müssen, damit sie nicht ihre Wirkung verliert.

Wie wirken Antibiotika?
Die Wirkung der Antibiotika richtet sich gegen bestimmte Bakterienstrukturen, die in tierischen bzw. menschlichen Zellen nicht vorkommen. Jedenfalls nicht in derselben Form. In der Abbildung nebenan lässt sich erkennen, welche Antibiotika sich gegen welche bakteriellen Bestandteile und Prozesse richten. Beispielsweise besitzen viele Bakterien um die Zellmembran herum zusätzlich eine robuste Zellwand, die aus Murein besteht. Bakterien sind die bisher einzigen bekannten Organismen, die Murein produzieren. Wenn es also gelingt, mit einem Antibiotikum die Bildung von Murein zu verhindern, wird die Zellwand und damit das ganze Bakterium zerstört, ohne dass dabei ein Schaden an menschlichen Zellen entsteht. Das ist das Wirkprinzip der sogenannten β-Lactam- Antibiotika. Für Bakterien allerdings, die keine solche Zellwand besitzen, wird dieses Antibiotikum das falsche sein – es kann seine Wirkung gar nicht entfalten! Um das passende Antibiotikum zu finden, ist es daher in vielen Fällen sinnvoll (und zuweilen unabdingbar), eine sogenannte Bakterienkultur anzulegen, um die Art der Bakterien zu bestimmen.

Andere Antibiotika richten sich nicht gegen die eigentliche Zellwand, sondern gegen die darunterliegende Zellmembran, wie z. B. Polymyxin B. Oder sie greifen in den Stoffwechsel der Folsäure ein, welche Bakterien zur Herstellung ihrer DNS benötigen. Das ist die Wirkweise der Sulfonamide und Trimethoprim. Ohne DNS können Bakterien sich nicht vermehren, weil die Erbinformation nicht weitergegeben werden kann. Wir Menschen benötigen Folsäure ebenfalls zur Bildung von DNS, nehmen sie aber mit der Nahrung zu uns und müssen sie nicht selbst herstellen, wie Bakterien das tun.

Andere Antibiotika hemmen nicht die Bildung, sondern das Aus- und Aufdrehen der DNS. Damit die DNS abgeschrieben, für die Teilung verdoppelt oder die Informationen für die Herstellung von Proteinen abgelesen werden kann, muss sich die Doppelhelix entwirren und anschliessend wieder korrekt verdrehen. Chinolon-Antibiotika bringen die Doppelhelix derart durcheinander, dass sie nicht mehr bearbeitet werden kann.

Bevor aus der DNS jedoch ein Protein entsteht, muss diese erst in RNS übersetzt werden. Rifampicin zum Beispiel hat sich auf die Störung dieser Übersetzung spezi alisiert. Und dann gibt es noch eine Reihe von Antibiotika, darunter Aminoglykoside, Makrolide und Tetrazykline, die den Bakterien jede Lebensgrundlage entziehen, indem sie die Ribosomen belagern und die Fabriken der Proteinsynthese schliessen.

Weshalb entstehen Resistenzen?
Bakterien vermehren sich durch Zellteilung. Vor jeder Teilung verdoppeln sie ihre genetische Information, die DNS, und geben eine Kopie davon in die neue Zelle. Auf diese Weise sind theoretisch alle Nachkommen identisch. Nicht so in der Praxis: Flüchtigkeitsfehler beim Abschreiben der DNS, sogenannte Mutationen, sorgen für eine gewisse Vielfalt. Und weil sich Bakterien ziemlich schnell vermehren, kommt das recht häufig vor.

Bakterien können solche Veränderungen in der DNS aber auch mehr oder weniger aktiv herbeiführen, um sich ihrer Umgebung anzupassen. Beispielsweise bildet das Bakterium nun eine andere Körperhülle, durch die das Antibiotikum nicht mehr eindringen kann. Oder es verfügt neu über Informationen für ein Enzym, welches das Antibiotikum zerstört. Oder aber das Bakterium verändert eine Struktur in seinem Innern, sodass das Antibiotikum seine Wirkung daran nicht mehr entfalten kann.

Solche Veränderungen geschehen immer, unabhängig davon, ob ein Antibiotikum eingenommen wird oder nicht. Der Punkt ist, dass während einer Antibiotikatherapie nur die resistenten Bakterien überleben, also förmlich aus all den Varianten herausgezüchtet werden. Und je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto rascher geschieht das. Deshalb sollten diese wertvollen Medikamente nur eingesetzt werden, wenn es wirklich nötig ist. Bei Infektionen und Entzündungen wie Halsweh, Husten und Schnupfen, die durch Viren ausgelöst werden, sind Antibiotika ohnehin völlig wirkungslos. Selbst Infektionen wie Harnwegsinfekte, Nasennebenhöhlenoder Mittelohrentzündungen, die durch Bakterien verursacht werden, können oft auch mit anderen Mitteln als Antibiotika kuriert werden.

Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen Antibiotika angebracht sind, zum Beispiel wenn die Gefahr für Komplikationen besteht, bei schweren Verläufen oder gefährlichen Infektionen. Die Entscheidung zur Antibiotikatherapie sollte jedoch immer individuell getroffen werden, damit jeder im Ernstfall von der lebensrettenden Wirkung profitieren kann.

Fünf goldene Regeln im Umgang mit Antibiotika
1. Zurückhaltung üben
Antibiotika nur einsetzen, wenn es wirklich nötig ist. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
2. Gewissenhaft sein
Antibiotika regelmässig, in der richtigen Dosierung und ausreichend lange einnehmen, auch wenn die akuten Beschwerden abgeklungen sind. Ein vorzeitiger Abbruch und Konzentrationsschwankungen führen zu Resistenzen.
3. Sich impfen lassen
Gegen manche bakterielle Infektionskrankheiten kann man sich vorbeugend impfen (z. B. gegen Hirnhautentzündung).
4. Antibiotika in der Tier- und Landwirtschaft reduzieren
Je mehr Antibiotika in der Umwelt kursieren, desto mehr Resistenzen gibt es.
5. Die Forschung unterstützen
Wegen Resistenzen müssen laufend neue Medikamente entwickelt werden.


Quelle: astreaApotheke, Ausgabe 01/2015



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