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Basellandschaftlicher Apotheker-Verband

Frau Nadine Minder, lic.iur.
Elisabethenstrasse 23
4051 Basel

Fon 061 273 86 71
Fax 061 273 86 73

07.07.2015
Die Apothekerin am Krankenbett

20 000 Packungen mit Medikamenten werden jeden Monat an die Stationen des Universitätsspitals ausgeliefert. Das Team der Spitalapotheke sorgt nicht nur dafür, dass hochwertige Medikamente zur Verfügung stehen, sondern stellt selber Präparate her, berät Patienten und hilft Ärzten, die optimale Medikation zu finden. Auf Visite mit Spitalapothekerin Delia Bornand.
Silvia Weigel, pharmaSuisse

Bei Delia Bornand klingeln die Alarmglocken. Gerade ist es 8 Uhr und sie bereitet die Visite vor, da entdeckt die Spitalapothekerin auf ihrem Rapport eine potenziell interagierende Verschreibung bei Verena Huber*. Der eine Wirkstoff, Kalzium, verhindert bei gleichzeitiger Einnahme, dass der andere, das Schilddrüsenhormon Levothyroxin, aufgenommen wird. So kann die Kombination aus Levothyroxin und Kalzium leicht einen ungenügenden Ersatz des Schilddrüsenhormons zur Folge haben. «Das ist eine Art Klassiker unter den Interaktionen », sagt Delia Bornand. Sie markiert sich die Stelle zusammen mit anderen, auf die es später bei der Visite zu achten gilt.

Im Universitätsspital Basel ist es seit einiger Zeit Standard, dass Apotheker gemeinsam mit Ärzten und Pflegefachleuten auf Visite Die Apothekerin am Krankenbett Klinische Pharmazie gehen. «So können sich die verschiedenen Fachleute optimal absprechen», sagt Delia Bornand. Seit 13 Jahren arbeitet sie schon im Universitätsspital, seit 2010 leitet sie die Abteilung Klinische Pharmazie der Spitalapotheke – das ist jene Abteilung, die sich auf die direkte Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Pflegenden, Patienten und Angehörigen spezialisiert hat. Die Entstehung der Abteilung wurde entscheidend durch die Stiftungsprofessuren von pharmaSuisse an der Uni Basel unterstützt. Auf diese Weise tragen Delia Bornand und ihre acht Mitarbeitenden dazu bei, dass die individuell optimale Arzneimitteltherapie gefunden und umgesetzt wird. «Das ist eine tolle Aufgabe, weil man an der Schnittstelle von Diagnose, Therapie, Patient und Angehörigen arbeitet und so ein Gesamtbild erhält. Die Dankbarkeit der Patienten, aber auch der Ärzte, ist für mich sehr motivierend.» An diesem Dienstagmorgen beginnt die Visite kurz nach 9 Uhr. Schliesslich ist Verena Huber* an der Reihe. «Wann und wie nimmt sie Levothyroxin und Kalzium?», will die Spitalapothekerin wissen, bevor es ins Krankenzimmer geht. «Levothyroxin morgens, nüchtern. Erst abends dann das Kalzium», antwortet die Krankenschwester. Die Spitalapothekerin ist zufrieden. Wenn genug Zeit zwischen der Einnahme beider Medikamente liegt, erzielen beide die gewünschte Wirkung und es besteht keine Gefahr für Interaktionen.

Gefährliche Lithiumvergiftung
Wie heikel der Einsatz von Medikamenten ist, hat auch die 70-jährige Magdalena Fritz* erfahren. Es ist schon das zweite Mal, dass sie mit einer Lithiumvergiftung ins Spital eingeliefert wurde. Die Lithiumtherapie soll gegen ihre bipolare Störung hel fen. Doch die giftige Dosis ist bei Lithium nur ein klein wenig höher als jene, bei der die gewünschte therapeutische Wirkung eintritt. Auch das Interaktionspotenzial ist hoch. Arzt und Apothekerin sind sich einig: «Wir müssen die Lithiumtherapie abbrechen. »

Hilfe beim Spitalaustritt
Ärzte und Pflegende können ihre Anfragen zu bestimmten Fällen, Medikamenten oder Wirkstoffen auch direkt an die Arzneimittelprofis in der Spitalapotheke richten. Das Team der Spital-Pharmazie besetzt täglich drei Hotlines für solche Fragen. Zusätzlich führen die Apotheker in bestimmten Fällen Austrittsgespräche mit den Patienten, denn der Austritt aus dem Spital birgt gewisse Risiken. Dazu Delia Bornand: «Im Spital erhalten die Patienten meist andere Medikamente als vorher. Beim Austritt aus dem Spital gibt es nochmals eine Umstellung. Zu Hause türmen sich dann die Präparate. Welche soll man jetzt noch nehmen? Und wie viel? Gerade für ältere Menschen ist es nicht immer leicht, den Überblick zu behalten.» Beim Austrittsgespräch mit den Patienten helfen auch die Spitalapotheker bei der Erklärung komplexer Therapien, was es mit ihren Medikamenten auf sich hat, welche sie wann und wie einnehmen und worauf sie sonst noch achten müssen.

Betreuung nach Transplantation
Besonders heikel ist der Spitalaustritt nach einer Transplantation. Deshalb erhält am Unispital Basel jeder Transplantationspatient ein Austrittsgespräch mit einem Apotheker. Pro Jahr werden am Universitätsspital Basel etwa 60 Nieren transplantiert. «Vor der Operation müssen die Patienten ganz andere Medikamente einnehmen als hinterher», sagt Delia Bornand. Allein diese Umstellung ist schwierig. Dazu kommt, dass Transplantationspatienten ein Leben lang auf sogenannte Immunsuppressiva angewiesen sind, die dafür sorgen, dass der Körper das fremde Organ nicht abstösst. «Das schwächt die ganze Immunabwehr, auch die der Haut. Deshalb müssen sich diese Patienten unter anderem besonders vor Sonneneinstrahlung schützen und dürfen das ganze Jahr über nur mit hohem Lichtschutzfaktor an die Sonne.» Und natürlich ist die korrekte und regelmässige Einnahme der Medikamente besonders wichtig.

Das gilt auch für Patienten mit anderen chronischen Krankheiten. Was passiert, wenn die Medikamententherapie ohne Rücksprache mit den Fachpersonen einfach abgebrochen wird, zeigt der Fall von Helen Meier*. Vor wenigen Tagen ist sie mit einer hyperglykämischen Entgleisung, also exorbitant überhöhten Blutzuckerwerten, eingeliefert worden. Die Diabetikerin hatte acht Monate zuvor eigenmächtig entschieden, sich kein Insulin mehr zu spritzen. Eine lebensgefährliche Entscheidung, aber leider keine Seltenheit. «Wenn Patienten nicht verstehen, warum sie ein Medikament nehmen müssen, dann nehmen sie es auch nicht. Deshalb ist die engmaschige Betreuung durch Ärzte und Apotheker so wichtig», sagt Delia Bornand. Als die Visite an diesem Tag zu Helen Meier kommt, geht es ihr schon viel besser: Nach einer Insulintherapie haben sich die Blutzuckerwerte der 64-Jährigen normalisiert.

Ein Team für alle Fälle
Nach der Visite warten in der Spitalapotheke schon die nächsten Aufgaben auf Delia Bornand – angefangen bei der Budget- und Personalplanung über die Weiterbildung junger Pharmazeuten bis hin zu neuen Anfragen aus allen Bereichen des Spitals. Gelegentlich müssen Delia Bornand und ihre Mitarbeitenden dann auch ungewöhnliche Herausforderungen meistern – zum Beispiel, wenn sich herausstellt, dass ein Patient nicht lesen kann. «Bei den Austrittsgesprächen geben wir immer auch schriftliche Informationen ab. Es ist wichtig, gewisse Informationen nachschlagen zu können. Für Analphabeten fotografieren wir deshalb alle Medikamente und arbeiten mit Piktogrammen, damit es keine Verwechslungen gibt.»

*Namen von der Redaktion geändert.


Quelle: astreaApotheke, Ausgabe Juli 2015



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